Wir lassen es uns gut gehen in Bulgarien

Nach der strapaziösen Nacht im “Direktzug” von Istanbul frühstückten wir im ersten Café in Plowdiw und nahmen dann den Bus zu unserer Unterkunft. Weil Samuel Geburtstag hatte und weil ein Doppelzimmer im Hostel gleich viel gekostet hätte, verbrachten wir zwei Nächte im 4 Stern Hotel. Dort genossen wir die Stille, das grosse Badezimmer, die Velos vom Hotel, das Zmorgenbuffet, das Schwimmbecken. Und wir fanden auch noch Zeit in der Stadt zu spazieren und die römischen Überreste zu besichtigen.

In Kaschgar in China hatten wir Rebecca getroffen, sie hatte uns vom UFO in Bulgarien erzählt, und dass wir unbedingt dorthin gehen sollten, wenn wir Zeit hätten. Eine kurze Recherche ergab, dass es sich beim UFO um ein Relikt der sozialistischen Vergangenheit Bulgariens handelt. Das Monument wurde erstellt zu Ehren von Dimitar Blagoev und der Gründung der bulgarischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei (der Vorgängerin der kommunistischen Partei) 1891. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zerfällt das riesige Betonufo nach und nach.
Die Ruine zieht jedoch ab und zu Touristen wie uns an.
Dank der Hilfe eines in Bulgarien gestrandeten Nordiren wagten wir uns durch eine schmale Öffnung in das Innere dieses unglaublichen Monuments.

Die letzte Nacht in Bulgarien verbrachten wir im malerischen Städtchen Veliko Tarnovo. Gerne kommen wir nach Bulgarien zurück, es waren sehr schöne fünf Tage, die wir dort verbringen durften.

Ab durch die Mitte: Türkei in fünf Tagen

Von Batumi kann man per Bus direkt nach Trabzon in der Türkei fahren. Am Busbahnhof wurden wir fündig und stiegen in ein Minibüsschen Richtung Türkei.  Kaum war es mit Reisenden gefüllt, machte sich eine Mitpassagierin daran, Literflaschen Wodka zu verteilen (eine pro erwachsene, nicht muslimische Person). So gerüstet passierten wir die Grenze zur Türkei am letzten Tag des Ramadan. Noch unterwegs zeigte uns Georgien zum letzten Mal seine Gastfreundschaft: Arbeiter auf dem Weg nach Deutschland luden uns im Bus zu Bier und Poulet ein. Madloba!

Vodkaschmuggel!
Vodkaschmuggel in die muslimische Türkei: schweisstreibend!

Unser Plan für die Türkei war: Durchreisen. Denn wir wollten am 10. August zurück in der Schweiz sein, die Türkei ist nicht weit weg, wir können also einfach zurückkommen sollte es uns gefallen.
Mitten am Nachmittag kamen wir in Trabzon an, und hatten noch Zeit für einen Spaziergang in der Stadt. Trabzon ist ein schönes Städtchen, in dem es sich anscheinend lohnt ein bisschen zu verweilen und zum Beispiel ein Iran Visum zu besorgen. Wir wollten jedoch weiter nach Ankara und Istanbul und nach Hause.

Am nächsten Morgen standen wir früh auf, da die Busreise nach Ankara 12 Stunden dauern soll, sagten unsere zuverlässigen Quellen. Es dauerte auch effektiv 13 Stunden, welche wir mit türkischen Filmen und Podcast hören verbrachten.

Ein bisschen zerknittert verbrachten wir 12 Stunden in Ankara. Vor einer Woche sei die neue Schnellzugsstrecke zwischen Ankara und Istanbul eröffnet worden, hörten wir. Nach all diesen Busfahrten war die Aussicht auf einen bequemen Zug verlockend. Also liefen wir mit Sack und Pack zum Bahnhof, der noch entsprechend dekoriert war und versuchten für diesen Zug ein Billett zu kaufen. Nach einigen Kommunikationsschwierigkeit erfuhren wir, dass die Strecke effektiv offen ist, dass in der ersten Woche die Tickets sogar gratis sind – dass aber alle Züge an diesem Tag und in dieser Woche (weil gratis) ausgebucht sind. Schade! So kommt es, dass wir immer noch die Existenz türkischer Züge bezweifeln.
Also nahmen wir die ankaraische Metro und fuhren zum grössten Busbahnhof, wos je heds gids. Dort stiegen wir gleich in den nächsten Luxuxbus zu unserem Ziel für die nächsten zwei Tage: Istanbul.

Istanbul ist auch eine Stadt, die auf der einen oder anderen Reisewunschliste auftaucht. So verwundert es nicht, dass die ganze Altstadt grösstenteils von ausländischen Touristen bevölkert wird, dass die Eintritte zu den Sehenswürdigkeiten allesamt 15 Stutz kosten, dass viele Kellner versuchen jeden ausländisch aussehenden in ihr Beizchen zu locken (mitunter auf nicht sehr subtile Weise: “Why don’t you want to eat here?” wenn man keinen Hunger hat zum Beispiel). Regelmässige Konsumenten unseres Blogs wissen bereits, dass wir allergisch auf für Touristen künstlich konstruierte Welten reagieren und so begnügten wir uns mit einer Bootstour auf dem Bosporus und verabschiedeten uns nicht unglücklich nach zwei Tagen von Istanbul.

Um einen letzten guten Eindruck von der Türkei zu bekommen, beschlossen wir den Direktzug (“direkt” und “Zug” in einem Wort!) nach Bulgarien zu buchen. Wir stellten uns ganz romantisch ein Zweier Abteil vor, und dass wir sanft von den Klängen bulgarischer Volksmusik geweckt würden.
Es war nicht so.

Abends trafen wir am Bahnhof ein, und suchten einen Zug zum Einsteigen – doch da war keiner! Stattdessen hielt ein Bus (nicht die Luxusvariante mit funktionierender Klimaanlage) vor dem Bahnhof. Nur bis zur Grenze, hiess es. Dort würde ein Zug auf uns warten, sagten sie uns. Kurz vor der Grenze hielt der Reisebus auch an einem Bahnhof, doch auch dort war weit und breit kein Zug zu sehen. Wir sollten hier warten. Eine kurze Unterhaltung mit dem Bahnhofarbeiter erstickte jegliche Hoffnung auf ein bisschen bequemen Schlaf: Auf der bulgarischen Seite seien Bauarbeiten im Gange und wir würden hier auf den Bus aus Sofia warten. Um 2 Uhr morgens kam dieser Bus dann und lud seine Ladung erschöpfter Interrailer aus und in unseren Bus ein. Wir hingegen durften mit bulgarischem Fahrer bis zur Grenze fahren, wo die Beamten sich einen Spass daraus machten, uns weitere drei Stunden wach zu halten (sie dürfen ja auch nicht schlafen). Judihui Schengenaussengrenze.

Nach all diesen Strapazen waren wir nur noch froh ein bisschen ruhig sitzen bleiben zu dürfen. Um sechs Uhr hielt jedoch der bulgarische Bus mitten im Nirgendwo an einem gottverlassenen Bahnhof Grössenordnung “Sachseln”. Dort stand ein Zug, und er wartete darauf, dass wir einstiegen. Also Sächeli zusammenpacken, aus dem Bus raustorkeln, schlaftrunken zum Zug tschumpeln und hineintrolen. Eine Stunde später dann: Plifplof Plowdiw unser Ziel!

Liebe Türkei, vielleicht müssen wir dir eine zweite Chance geben, weil bei diesem ersten Mal hast du uns nicht überzeugt!

Batumi – Architektur und Russenstrand

In Batumi gibts viel moderne Architektur, etwas Kunst, und einen Russenstrand. Da unser Zeitbudget langsam knapp wurde, und es uns immer mehr nach Hause zog, haben wir in Batumi nur noch einen kleinen Zwischenstop eingelegt. Oberstes Ziel: Im schwarzen Meer baden. Der Strand aus geschliffenen Kieselsteinen war fast angenehmer als Sand, da nachher nicht in jeder Pore zu finden, und das Wasser war viel sauberer als erwartet.

Danach blieb noch etwas Zeit, die diversen ausgefallenen Gebäude und Kunstwerke zu besichtigen, welche die Küste säumen, bevor es am nächsten Tag weiter ging in die Türkei.

Zum Abschluss unseres Georgien-Reislis, hier noch ein Georgischer Parkplatz, als Teil unserer beliebten Parkplatz-Analysier-Serie. Diesmal ohne Schlussfolgerungen.

Georgischer Parkplatz: 1x Lada, 1x Kamaz, 2x Esel
Georgischer Parkplatz: 1x Lada, 1x Kamaz, 2x Esel

Kazbegi – wir haben Russland gesehen!

Kazbegi ist das Zermatt von Georgien, es ist ein Touristenort in den Bergen und hat einen hohen Berg als Wahrzeichen. Anders als Zermatt gibt es in Georgien viel weniger Touristen und der Hausberg von Kazbegi, der Kazbek (5047 m), ist um einiges höher als das Matterhorn (4478m).

Von Tiflis fahren stündlich Marschrutkas (Minibus-Sammeltaxis) nach Kazbegi, entlang der Georgischen Heerstrasse von der Hauptstadt in Richtung Russland nördlich des grossen Kaukasus. Diese schöne Strecke wurde schon von verschiedenen Schriftstellern beschrieben (unter anderem Puschkin und Dumas).

Wir hatten irgendwo (wahrscheinlich im Internet) gelesen, dass man von Kazbegi aus in einem Tag zum Gergeti Gletscher am Kazbek wandern kann. Bisher hatten wir auf unserer Reise ja noch keinen Gletscher von Nahem gesehen. Die anstrengende Wanderung führte 1600m hinauf und wieder hinab auf 22 km längs verteilt. Der Gergeti Gletscher auf 3300 m war kalt und schwarz und die Sonne hat ganz schön runter gebrannt. Aber wir sind ja hart im Nehmen und kraxelten den Berg hoch und wieder runter. Im Nachhinein sind wir uns einig, dass es sich gelohnt hat, wir jedoch das nächste Mal am Abend vor solch einer Wanderung keinen selbstgebrannten Schnaps von einem liebenswürdigen slowenischen Pärchen trinken sollten. Die spektakulären Aussichten waren die zwei, drei Blasen an den Füssen wert und da wir nun Russland gesehen haben (der Gipfel des Kazbegi bildet die Grenze zu Russland), sind wir qualifiziert um Vizepräsidentschaftskandidaten in den USA zu werden.

Nebst der wunderschönen Berge bietet Kazbegi noch mehr. Nämlich befindet sich dort eine Quelle aus der Mineralwasser mit Kohlensäure sprudelt (daher “Sprudelwasser”). Da wir nach der Tortur Wanderung einen Tag Erholung benötigten, bot sich die Quelle als netter Ausflug an. Nach einer halben Stunde spazieren erreichten wir sie. Leider hatte jemand den Stöpsel aus dem Pool entfernt, sodass nichts daraus wurde im Mineralwasser zu bädelen.

Nun war es an der Zeit, wieder vorwärts zu kommen. Fertig heile Bergwelt und ab ans Meer,  Adieu Bergtourismus à la Zermatt und hallo Russischer Strandtourismus: Wir stiegen in die Marschrutka Richtung Batumi am Schwarzen Meer.

 

Tiflis – sünnelen auf dem Balkon Europas

Immer mehr zieht es uns nach Hause, daher verabschiedeten wir uns nach zehn Tagen vom schönen Armenien und versuchten möglichst direkt nach Tiflis – der Hauptstadt Georgiens zu kommen.
Dilidschan ist ja nicht gerade ein Verkehrsknotenpunkt, daher nahmen wir den Ruckelbus ins nächstgrössere Kaff Dorf (Vanadzor). Von dort ging es nochmals per Sowjetruckelbus weiter zum Städtchen (Alaverdi) in der Nähe der Grenze. Der Bus dient nicht nur dem Transport von Personen, sondern auch als Mittel der armenischen Peperoni-Logistik. Die letzten Kilometer zur Grenze fuhr uns ein ausnahmsweise netter Taxichauffeur.

Der Grenzübergang ging erstaunlich schnell von statten (nicht einmal das Gepäck scännern wollten sie). Auf der anderen Seite fuhren leider keine Marschrutki (Minibus-Sammeltaxis à la ehemalige Sowjetunion) und so mussten wir gezwungenermassen die Dienste des unfreundlichsten Taxifahreres der Gegend in Anspruch nehmen – was für ein Kontrast zu Armenien!
Schliesslich erreichten wir mitsamt allem Gepäck und gut durchgeschüttelt unser Hostel in Tiflis.
Wie in Jerewan nahmen wir uns auch in Tiflis ein paar Tage Zeit um rumzuhängen den Blog zu aktualisieren und gemütlich die Stadt zu erkunden.

Nach dem Zusammenbruch der UdSSR kam der letzte Aussenminister der Sowjetunion und ehemaliger Chef der kommunistischen Partei Eduard Schewardnase an die Macht. Korruption und Vetternwirtschaft machten im nächsten Jahrzehnt Georgien zu einem der ärmsten Länder der Welt.
1993 wurden dann Parlamentswahlen durchgeführt bei denen eigentlich klar war, dass die Opposition gewonnen hatte – wenn dies auch nicht in den offiziellen Resultaten bekannt gegeben wurde. Daher kam es zu Protesten und der Rosenrevolution bei der Micheil Saakaschwili an die Macht kam. Dieser war ebenfalls ein lupenreiner Demokrat (er liess sich 2004 mit “96%” zum Präsidenten wiederwählen), führte jedoch einige Reformen durch, die der Wirtschaft förderlich waren und die Korruption eindämmten. Es heisst seit Saakaschwili könne man der georgischen Polizei trauen. Er wollte Georgien in die Nato und die EU führen, was nicht allen (den Russen) gefiel. So kam es 2008 zum bewaffneten Konflikt um Südossetien: Saakaschwili befiel einen massiven Militärschlag gegen ein paar bewaffnete Separatisten und provozierte dadurch die Russen, welche ihre Panzer nach Georgien schickten. Nach fünf Tagen zogen sich die Georgier aus Südossetien zurück und die Russen anerkannten Südossetien als unabhängigen Staat. So geht das.
Seit 2013 ist die Partei vom Milliardär Iwanischwili an der Macht, dieser gewann an Popularität als er auf eigene Kosten Strassen bauen liess. Aufgefallen ist uns als Schweizer vor allem die Popularität der Europäischen Union. Im Gegensatz zu Jerewan fühlte sich Tiflis auch sehr europäisch an.

Frisch ausgeruht machten wir uns auf in die Berge des grossen Kaukasus nach Kazbegi gleich an der russischen Grenze.

 

Ein Haus am Sewansee

Frage an Radio Eriwan: Gibt es einen Zug von Eriwan nach Sewan?
Im Prinzip ja, aber niemand weiss wann und wo dieser Zug fährt.

Die Angaben zum Zug nach Sewan waren wirklich dürftig. Zwar waren sich sowohl Internet als auch die nette Frau in unserem Hostel einig, dass ein solcher Zug existiert- bei der Abfahrtszeit war aber bereits Schulterzucken angesagt, bzw. ein “im Prinzip um 8 aber der fährt eh später”. Als wir am nächsten Morgen um 8 Uhr beim Bahnhof Eriwan eintrafen, waren gerade eben zwei Züge losgefahren. Es stellte sich jedoch heraus, dass keiner der beiden Züge nach Sewan fuhr. Und auch keiner der restlichen drei, vier Züge die an diesem Tag am Hauptbahnhof Eriwan zu erwarten waren hatten dieses Ziel. Resignation bei der ganzen Reisegruppe, die sich auf eine gemütliche Zugfahrt statt dem stressig engen Sammeltaxi gefreut hatte. Ein sehr aufdringlicher Taxifahrer laberte uns auf Russisch zu, und erst nach zwanzig Minuten verstanden wir, dass er uns nicht eine Taxifahrt nach Sewan verkaufen wollte, sondern uns zu erklären versuchte, dass der Zug nach Sewan irgendwo anders fährt. Kein richtiger Bahnhof, mehr sowas wie ein alter Bahnsteig irgendwo im Norden der Stadt. In zwanzig Minuten. Und ab gings auf ein kleines Rennen gegen die Zeit mit dem dreissigjährigen BMW quer durch Eriwan. Zwischenzeitlich sank unser Mut wieder, als der Fahrer Leute nach dem Weg zu besagtem “Bahnhof” fragen musste, aber schliesslich standen wir rechtzeitig mitsamt dem Taxi auf dem Bahnsteig. Und der Zug fuhr pünktlich (nach Fahrplan) um 08:40 Uhr.

Mit dem VIP-Taxi direkt auf den Bahnsteig
Mit dem VIP-Taxi direkt auf den Bahnsteig

Sewan liegt, wer hätte es geglaubt, am Sewansee. Der grösste See Armeniens ist Ausflugs- und Ferienziel sowohl für die Städter aus Eriwan als auch aus Tiflis in Georgien und Lebensgrundlage für eine kleine Fischfangindustrie und die Landwirtschaft in der Region. Wie so viele natürliche Ressourcen wurde auch der Sewansee in der Sowjetunion relativ unzimperlich ausgebeutet, und so sank der ursprüngliche Wasserspiegel durch Wasserentnahme für Bewässerung um rund 20 Meter. Nachdem sich Mensch und Natur in den letzten Jahren langsam auf die neue Pegelhöhe eingestellt haben, hat das Wasser vor einigen Jahren wieder zu steigen begonnen. Bisher um 2 Meter, aber man weiss nicht so genau wie lange das noch weiter gehen soll. Nun liegen diverse Fischereihäfen, Resorts, Strände und Landwirtschaftsgebiete entlang des Ufers unter Wasser. So auch ein Teil der Feriensiedlung in welchem wir uns ein “Domiki” (Häuschen) reserviert hatten.

Dies störte uns nicht wirklich, und wir genossen die Ruhe durch offensichtlich weniger Touristen als in früheren Jahren. Die mangelnde Kundschaft im Restaurant wo wir am Mittag was gegessen hatten, führte leider dazu, dass sich Samuels Magen eine Nacht lang heftige Kämpfe mit irgendwas Verdorbenem lieferte.

Trotzdem machten wir uns am nächsten Tag (teilweise leicht angeschlagen) auf den Weg um die Umgebung zu erkunden. Die erste Attraktion bestand aus einem (von uns so genannten) Russenstrand – dies erfordert ein paar Erklärungen:
Der klassische Russenstrand ist ein Tourismus-Schauplatz, welcher nicht wie man vermuten würde in Russland sein muss, aber die zahlenmässige Überlegenheit von (wiederum von uns so genannten) Russen erfordert. Selbst erlebte Beispiele befinden sich in Montenegro (Sutomore), Phuket, Vietnam (Mui Ne), und natürlich auf der Krim (dort seit neuesten wieder nicht nur von uns so genannter Russenstrand).
Kommen wir zu den Merkmalen des Russenstrandes: Wenn der Strand innerhalb der ehemaligen Sowjetunion liegt, besteht er typischerweise nicht aus Sand, sondern aus Kies, und ist durchsetzt mit Betonstücken und verrostenden Eisenteilen, sowie hie und da einem dekorativen alten Lastwagenreifen. Am wichtigsten ist natürlich die lückenlose Versorgung am Strand mit Wodka und Bier, dazu Grillplätze für Schaschlik. Es ist von Vorteil, wenn man den Lada (oder in Armenien den Mercedes, doch dazu noch später) maximal zehn Meter vom Wasser entfernt parken kann, um die langweilige (unrussenpopige) Natur ordentlich zu beschallen. Für Unterhaltung zwischen den Getränken müssen zwingend Jetskis oder andere motorisierte Vehikel gemietet werden können. Ein absolutes No-Go ist Sonnencreme, in den winzigen Bikinis stecken viele ganz und gar nicht winzige Figuren und auch das starke Geschlecht zeigt die prallen Wampen mit Stolz. Für die Kinder gibts ein Gumpischloss.

Neben dem Strand gibts in Sewan auch noch eine kulturelle Sehenswürdigkeit, nämlich das uralte armenische Kloster Sevanavank, welches fotogen auf einer Halbinsel (ehemaligen Insel) liegt.

Trotz perfektem Russenstrand packte uns die Lust aufs Baden nicht (zu kalt, ganz klar), und wir verliessen den Sewansee in Richtung Berge, nach Dilidschan. Unterwegs, als unser Taxi mal tanken musste, entstand dieses Foto:

3x Lada, 2x Opel, 4x Mercedes
3x Lada, 2x Opel, 4x Mercedes

Es repräsentiert so ungefähr, was man auf den armenischen Strassen sieht: Die eine Hälfte der Autos sind alte, klapprige Ladas und ausgemusterter Schrott aus Westeuropa, die anderen sind fette, teure Schwanzverlängerungen praktisch ausschliesslich von Mercedes. Bei einem Durchschnittseinkommen von monatlich weniger als 300 Franken und 20% Arbeitslosigkeit im Land schon sehr verwunderlich. Aber man muss ja nicht alles verstehen.

Dilidschan liegt idyllisch in den Bergen und wird deswegen auch “kleine Schweiz von Armenien” genannt. Unser Fazit: Es ist nicht ganz so schön wie Obwalden und es ist schon gar kein Thurgau, aber gefallen hat es uns schon. Dilidschan war “nur” ein kurzer Zwischenstop auf dem Weg nach Georgien, aber wir hatten genug Zeit für eine kleine Wanderung in der Umgebung, wo es zwei (wie könnte es anders sein) alte armenische Kloster zu entdecken gibt. Dabei haben wir Bekanntschaft geschlossen mit einem sehr netten armenischen Bauarbeiter und seinem sehr betrunkenen Bruder, der uns auf ein Bier einlud. Sie wollten wissen, ob und wie man in die Schweiz ziehen könnte. Nach kurzem Brainstorming war ein einfacher und effizienter Weg gefunden, aber wir mussten uns mit einer Notlüge aus der Affäre ziehen: Nathalie’s Schwestern sind leider schon beide verheiratet.

 

Frage an Radio Eriwan

Eriwan oder Jerewan, die Hauptstadt Armeniens, kam bei uns während des kalten Krieges durch die  Radio Eriwan Witze, die sich über das sowjetische System und den ganzen Rest lustig machten zu einer gewissen Bekanntheit . Daher hier als Tribut:

Frage an Radio Eriwan:
Kann man das Fussball WM Finale zwischen Argentinien und Deutschland auf Grossbildschirm im Park zusammen mit Hunderten Armeniern fertig schauen?

Antwort:
Im Prinzip Ja. Ausser man muss nach der regulären Spielzeit wegen des Bierkonsums so dringend aufs WC, dass man zurück zum Hostel geht und dort gleich einschläft und somit das entscheidende Tor verpasst. Übrigens haben die Deutschen 1:0 gewonnen und sind jetzt Fussballweltmeister, für diejenigen, die es nicht mitbekommen haben.

Beim Fussball geht es darum mit den Füssen einen Ball in ein rechteckiges Netz zu befördern.
Beim Fussball geht es darum mit den Füssen einen Ball in ein rechteckiges Netz zu befördern, haben wir gelernt.
Fussballschauen-selfie
begeistertes Fussballschauen-selfie; Bier trinken und auf dem Gras hocken Olé Olé Olé

Frage an Radio Eriwan:
Wäre das “Cascade” (eine riesige Treppe,  die vom Stadtzentrum zum Monument 50 Jahre armenische Sowjetrepulik führt) fertig gebaut worden, wenn die Sowjetunion ein paar Jahre länger überlebt hätte?

Antwort:
Im Prinzip ja. Möglicherweise hätte das Cascade selbst dann aber nicht allzu lange überlebt auf Grund der Betonqualität.

Steht seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion still: Baustelle
Steht seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion still: Baustelle inkl. Kräne

Frage an Radio Eriwan:
Ist die MiG neben der Mutter Armenien Statue noch flugtauglich?

Antwort:
Im Prinzip ja. Die Startphase würde jedoch möglicherweise dadurch behindert, dass die rundherum parkierten Ladas Startschwierigkeiten haben, um der MiG Platz zu machen.

Frage an Radio Eriwn:
Wären die Armenier auch moderne Kunst Liebhaber geworden, wenn es die Sowjetunion nicht gegeben hätte?

Antwort:
Im Prinzip nein. Wäre das Cascade nicht gebaut worden, hätte es ja keinen Platz für Löwen aus Autopneus.

Frage an Radio Eriwan:
Gab es während der Sowjetunion eine klare Sicht auf den Berg Ararat?

Antwort:
Im Prinzip Ja. Zum Erhalt der guten Luftqualität wurde in weiser Voraussicht von der kommunistischen Partei die Lada-Produktion beschränkt, sodass weniger Abgase entstehen konnten.

wenn man ganz genau hinschaut: hinten der Berg Ararat
wenn man ganz genau hinschaut: hinten der Berg Ararat

Frage an Radio Eriwan:
Gelten in Armenien dieselben Sicherheitsvorschriften bei Bauarbeiten wie in Westeuropa?

Antwort:
Im Prinzip Ja.

Frage an Radio Eriwan:
Ist es möglich gleichzeitig Bier zu trinken und zu schaukeln?

Antwort:
Im Prinzip Ja. Man muss allerdings darauf achten, dass vor lauter Schaukeln das Bier nicht aus Versehen umkippt.

Frage an Radio Eriwan:
Ist der Fussgängertunnel der beste Weg um vom Stadtzentrum zur Schlucht  des Hrasdan Flusses zu kommen?

Antwort:
Im Prinzip ja. Aber es ist wahrscheinlich nicht der schönste Weg zur Kindereisenbahn entlang des Flusses.

Frage an Radio Eriwan:
Ist es einfach in der Hauptstadt Armeniens ein bezahlbares Doppelzimmer zu Tourismisierzwecken während der Hauptsaison  zu finden?

Antwort:
Im Prinzip ja. Man muss jedoch darauf vorbereitet sein jeden Tag das Hostel zu wechseln, wenn man nicht im Voraus reserviert hat.

Zimmer Nummer 1 & 3
Zimmer Nummer 1 & 3
Zimmer Nummer 2
Zimmer Nummer 2

Frage an Radio Eriwan:
Ist es möglich einen Reiseblog auf aktuellem Stand zu halten?

Antwort:
Im Prinzip ja. Ausser es handelt sich um kreuzundquer.1983.ch und man heisst Samuel oder Nathalie.

In diesem Sinne: Liebe Grüsse aus Plovdiv in Bulgarien 🙂

 

Endlich ohne Kopftuch Bier trinken in Goris

Nach drei Wochen Rüeblisaft mit Safranglace und alkoholfreiem Bier mit Pfirsichgeschmack überschritten wir die Grenze zu Armenien. Im ersten Dorf nach der Grenze deckten wir uns gleich mit Bier ein, entsorgten diskret die Schariakleidung und betranken uns zmidst im Nachmittag mit 3dl Bier. So blau schafften wir es gerade noch knapp ein Taxi zu organisieren, das uns nach Goris fuhr (der einzige Bus fährt um 8 Uhr morgens). Die Strasse führte über unzählige Haarnadelkurven der Grenze zu Aserbaidschan entlang, vorbei an Gold- und Kupferminen (ша́хта) ins Bergstädtchen Goris.

An Goris ist der Karabachkrieg nicht spurlos vorbei gegangen. Unsere Gastgeberin Nadja erzählte uns von diesen schrecklichen Jahren von 1992 bis zum Waffenstillstand 1994, als auch in Goris viele Flüchtlinge wohnten, zum Teil in prekären Verhältnissen. Die Region Bergkarabach war zwar während der Sowjetunion Teil der Asberbaidschanischen Sowjetrepublik, aber eine autonome Region in der mehrheitlich (Dreiviertel der Bevölkerung) ethnische Armenier lebten. Schon mehrmals während der Sowjetunion wurden seitens Bergkarabach erfolglose Anstrengungen unternommen, die Unabhängigkeit bzw. den Anschluss an Armenien zu erlangen. Der Zusammenbruch der Sowjetunion liess diesen Konflikt eskalieren. Seit nun 20 Jahren besteht ein Waffenstillstand aber es wurde bisher kein Friedensvertrag unterschrieben und sowohl Armenien als auch Aserbaidschan und Bergkarabach zeigen sich nicht wirklich kompromissbereit um eine für alle zufriedenstellende Lösung zu erreichen. So kam es 2008 erneut zu Reibereien an der Grenze und 20’000 armenische Soldaten “sichern” die Grenze zu Aserbaidschan in Bergkarabach.
Armenien ist in punkto Diplomatie ein Phänomen und unterhält sowohl zum Iran, zu den USA und zu Russland ausgezeichnete Beziehungen, die Grenzen zu Aserbaidschan und der Türkei sind jedoch geschlossen. Die guten Beziehungen zu Russland konnten wir gleich am Grenzübergang vom Iran nach Armenien erfahren – wir wurden von russischen Beamten kontrolliert.
Von Goris aus führt eine Strasse nach Stepanakert in Bergkarabach, die einzige Strasse, die auch von ausländischen Touristen benutzt werden kann. Wir blieben jedoch schön brav auf der armenischen Seite.

Von Goris aus sind es nur einige Kilometer bis zur einzigen spektakulärsten Seilbahn Armeniens – der Wings of Tatev Seilbahn. Durch den Blog von Dania und Martin ist diese Seilbahn in unseren Bekanntenkreisen schon zur Berühmtheit geworden, daher müssen wir nicht noch einmal betonen, dass diese mit ein wenig Schweizer Beteiligung gebaut wurde.  Auch wir wagten es, “die längste, in einer Sektion mit durchgehendem Tragseil ausgeführte Pendelbahn der Welt” (Zitat Wikipedia) zu nehmen. Auf der anderen Seite der Worotan  Schlucht angekommen gingen wir das spektakuläre Kloster Tatev besichtigen. Die Zellen, deren Fenster direkt auf die Schlucht gehen, erinnerten uns ein wenig an das hier. Das Kloster wurde im 9. Jahrhundert erbaut und entwickelte sich zu einer wichtigen Universität im Armenien des Mittelalters. Im 10. Jahrhundert wohnten gar 1000 Menschen in der Klosteranlage (heute sind es nur noch eine Handvoll).

Vom Kloster aus wanderten wir hinunter in die Schlucht, wo es eine mit Gras überwachsene Klosterruine zu entdecken gab. Da zu diesem Ort keine bequeme Strasse oder Seilbahn führt, hatten wir den Abenteuerspielplatz ganz für uns. Nach diesem romantischen Abstecher wanderten wir dem überwucherten Weg der Schlucht entlang bis zur “Satans-Brücke”. Nadja, unsere Gastgeberin in Goris, hatte uns erklärt dass die Satansbrücke aus einem grossen Fels besteht, der in der engen Schlucht stecken blieb. Heute führt eine Strasse über den Fels. Was uns Nadja auch erzählte, war dass es gleich bei der Satansbrücke zwei Wasserbecken gibt, in welchen es sich baden lässt. Nur ist anscheinend radioaktives Radon im Wasser gelöst, sodass man nicht länger als 15 Minuten drin bleiben soll – aber es sei gesund für die Knochen! Als wir die dreckigen Pfützen sahen, begnügten wir uns mir einer kleinen Bestrahlungskur unserer Füsse und liessen es nach zwei drei Minuten sein – gesund oder nicht. Im Aufstieg auf der anderen Seite der Schlucht erwischte uns das schon lange angekündigte Gewitter überraschte uns ein Gewitter. Ein nettes russisches Pärchen nahm uns freundlicherweise in ihrem Mietwagen bis zum nächsten Café mit. Danke viel Mal!

Weil es uns in Goris so gut pässelte, beschlossen wir einen Tag lang die Umgebung zu erkunden und erst später nach Eriwan, der Hauptstadt Armeniens, weiterzureisen. So wanderten wir am nächsten Tag ganz romantisch der Hauptstrasse entlang mit rauchenden Ladas und uralten den Berg hinauf schnaufenden Kamaz Lastwagen bis nach Chndsoresk.  In diesem Dörfchen lebten die Leute zum Teil bis in die 1980er Jahre in Höhlen, die in den Fels gehauen wurden. Während des Karabach-Krieges flüchteten die Menschen erneut in die Höhlen, um sich vor Bomben zu schützen – denn das Dorf liegt nur fünf Kilometer von der Grenze entfernt.

Schliesslich war es an der Zeit sich von Nadja zu verabschieden und in ein Sammeltaxi Richtung Eriwan zu steigen.

 

Ramzar, Tabris – Chodafes Iran

Vom Bergdörfchen Yuj, wo unser treue Gefährte Ali, sein Esel und sein Gotr uns verlassen haben, gings ab auf die wohl lustigste und beängstigendste Taxifahrt unserer Reise. Im alten Rumpeltaxi (siehe Titelbild) rasten wir in Rekordgeschwindigkeit den Berg runter, als gäbe es einen Preis zu gewinnen. Die schmale nicht geteerte Bergstrasse, fünf Passagiere, Bauarbeiten, lautestmögliche Musik, dabei noch telefonieren, rauchen und mit der freien Hand dem Gegenverkehr winken, und sehr seltsam agierende Bremsen – alles kein Problem für unseren Fahrer, dessen Äusseres uns bedenklich an Borat erinnerte.

Wir kamen glücklich und unbeschadet in Ramzar am kaspischen Meer an, und beschlossen, uns nach den Entbehrungen der letzten Tage eine Luxus-Villa zu mieten, zusammen mit unseren Immer-noch-Reisegspänli Matthias und Manuel. Auch wenn die Villa auf den ersten Blick nach deutlich mehr aussah als sie eigentlich war, genossen wir den sanitären Luxus und kochten uns die besten Spaghetti seit Shanghai.

Ramsar war früher die Sommerresidenz der Shahs, und ist schön gelegen zwischen Bergen und kaspischem Meer. Irgendwie passen aber Mullah-Staat und Badeferien nicht so recht zusammen (Bikini-Tschador?), und weder Strand, noch Wasserqualität noch die lokale Bevölkerung hatte es uns spontan besonders angetan. Deshalb buchten wir schon für den nächsten Tag ein Busticket nach Tabriz, unseren vorläufig letzten Stop im Iran.

Ein VIP wartet auf den Nachtbus
Ein VIP wartet auf den Nachtbus

Die Busfahrt nach Tabriz, obwohl im Luxus-VIP-Bus (Very important Passenger), war die erste und hoffentlich letzt Nachtbusfahrt auf unserer Reise.

Nach den angenehmen Temperaturen in den Bergen und am Meer wurden wir in Tabriz wieder fast erschlagen von der Sommerhitze. Auch der Ramadan wird überraschenderweise viel strenger befolgt als auf dem Land, und so hatten wir unsere Mühe, tagsüber was vernünftiges zu Essen zu finden. Dazu gesellten sich einige Deja-vus beim Anschauen der x-ten Moschee und des ebensovielten Basars. Deshalb beschlossen wir, unsere tolle Zeit im Iran nicht künstlich zu verlängern, und bereiteten unsere baldige Weiterfahrt nach Armenien vor.

Auf der Fahrt zur armenischen Grenze legten wir einen kleinen Abstecher ein, um das Kloster Sankt Stephanos zu besuchen. Sozusagen als kleine Einstimmung auf den Übertritt von der islamischen Republik in das älteste christliche Land der Welt.

Eine Einstimmung der anderen Art bot uns die Fahrt entlang der stark bewachten Grenze zwischen Iran, Aserbaidschan und Armenien. Letztere zwei Länder befinden sich formell noch immer im Kriegszustand, und die Spuren der “heissen” Phase des Krieges (bis 1994) sind deutlich erkennbar.

Schwer bewacht: Eisenbahnbrücke zur Azerbaidschanischen Enklave
Schwer bewacht: Eisenbahnbrücke zur Azerbaidschanischen Enklave

Chodafes Iran, es war super, und wir kommen wieder (wenns mal nicht so heiss und nicht so Ramadan ist).