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Batumi – Architektur und Russenstrand

In Batumi gibts viel moderne Architektur, etwas Kunst, und einen Russenstrand. Da unser Zeitbudget langsam knapp wurde, und es uns immer mehr nach Hause zog, haben wir in Batumi nur noch einen kleinen Zwischenstop eingelegt. Oberstes Ziel: Im schwarzen Meer baden. Der Strand aus geschliffenen Kieselsteinen war fast angenehmer als Sand, da nachher nicht in jeder Pore zu finden, und das Wasser war viel sauberer als erwartet.

Danach blieb noch etwas Zeit, die diversen ausgefallenen Gebäude und Kunstwerke zu besichtigen, welche die Küste säumen, bevor es am nächsten Tag weiter ging in die Türkei.

Zum Abschluss unseres Georgien-Reislis, hier noch ein Georgischer Parkplatz, als Teil unserer beliebten Parkplatz-Analysier-Serie. Diesmal ohne Schlussfolgerungen.

Georgischer Parkplatz: 1x Lada, 1x Kamaz, 2x Esel
Georgischer Parkplatz: 1x Lada, 1x Kamaz, 2x Esel

Ein Haus am Sewansee

Frage an Radio Eriwan: Gibt es einen Zug von Eriwan nach Sewan?
Im Prinzip ja, aber niemand weiss wann und wo dieser Zug fährt.

Die Angaben zum Zug nach Sewan waren wirklich dürftig. Zwar waren sich sowohl Internet als auch die nette Frau in unserem Hostel einig, dass ein solcher Zug existiert- bei der Abfahrtszeit war aber bereits Schulterzucken angesagt, bzw. ein “im Prinzip um 8 aber der fährt eh später”. Als wir am nächsten Morgen um 8 Uhr beim Bahnhof Eriwan eintrafen, waren gerade eben zwei Züge losgefahren. Es stellte sich jedoch heraus, dass keiner der beiden Züge nach Sewan fuhr. Und auch keiner der restlichen drei, vier Züge die an diesem Tag am Hauptbahnhof Eriwan zu erwarten waren hatten dieses Ziel. Resignation bei der ganzen Reisegruppe, die sich auf eine gemütliche Zugfahrt statt dem stressig engen Sammeltaxi gefreut hatte. Ein sehr aufdringlicher Taxifahrer laberte uns auf Russisch zu, und erst nach zwanzig Minuten verstanden wir, dass er uns nicht eine Taxifahrt nach Sewan verkaufen wollte, sondern uns zu erklären versuchte, dass der Zug nach Sewan irgendwo anders fährt. Kein richtiger Bahnhof, mehr sowas wie ein alter Bahnsteig irgendwo im Norden der Stadt. In zwanzig Minuten. Und ab gings auf ein kleines Rennen gegen die Zeit mit dem dreissigjährigen BMW quer durch Eriwan. Zwischenzeitlich sank unser Mut wieder, als der Fahrer Leute nach dem Weg zu besagtem “Bahnhof” fragen musste, aber schliesslich standen wir rechtzeitig mitsamt dem Taxi auf dem Bahnsteig. Und der Zug fuhr pünktlich (nach Fahrplan) um 08:40 Uhr.

Mit dem VIP-Taxi direkt auf den Bahnsteig
Mit dem VIP-Taxi direkt auf den Bahnsteig

Sewan liegt, wer hätte es geglaubt, am Sewansee. Der grösste See Armeniens ist Ausflugs- und Ferienziel sowohl für die Städter aus Eriwan als auch aus Tiflis in Georgien und Lebensgrundlage für eine kleine Fischfangindustrie und die Landwirtschaft in der Region. Wie so viele natürliche Ressourcen wurde auch der Sewansee in der Sowjetunion relativ unzimperlich ausgebeutet, und so sank der ursprüngliche Wasserspiegel durch Wasserentnahme für Bewässerung um rund 20 Meter. Nachdem sich Mensch und Natur in den letzten Jahren langsam auf die neue Pegelhöhe eingestellt haben, hat das Wasser vor einigen Jahren wieder zu steigen begonnen. Bisher um 2 Meter, aber man weiss nicht so genau wie lange das noch weiter gehen soll. Nun liegen diverse Fischereihäfen, Resorts, Strände und Landwirtschaftsgebiete entlang des Ufers unter Wasser. So auch ein Teil der Feriensiedlung in welchem wir uns ein “Domiki” (Häuschen) reserviert hatten.

Dies störte uns nicht wirklich, und wir genossen die Ruhe durch offensichtlich weniger Touristen als in früheren Jahren. Die mangelnde Kundschaft im Restaurant wo wir am Mittag was gegessen hatten, führte leider dazu, dass sich Samuels Magen eine Nacht lang heftige Kämpfe mit irgendwas Verdorbenem lieferte.

Trotzdem machten wir uns am nächsten Tag (teilweise leicht angeschlagen) auf den Weg um die Umgebung zu erkunden. Die erste Attraktion bestand aus einem (von uns so genannten) Russenstrand – dies erfordert ein paar Erklärungen:
Der klassische Russenstrand ist ein Tourismus-Schauplatz, welcher nicht wie man vermuten würde in Russland sein muss, aber die zahlenmässige Überlegenheit von (wiederum von uns so genannten) Russen erfordert. Selbst erlebte Beispiele befinden sich in Montenegro (Sutomore), Phuket, Vietnam (Mui Ne), und natürlich auf der Krim (dort seit neuesten wieder nicht nur von uns so genannter Russenstrand).
Kommen wir zu den Merkmalen des Russenstrandes: Wenn der Strand innerhalb der ehemaligen Sowjetunion liegt, besteht er typischerweise nicht aus Sand, sondern aus Kies, und ist durchsetzt mit Betonstücken und verrostenden Eisenteilen, sowie hie und da einem dekorativen alten Lastwagenreifen. Am wichtigsten ist natürlich die lückenlose Versorgung am Strand mit Wodka und Bier, dazu Grillplätze für Schaschlik. Es ist von Vorteil, wenn man den Lada (oder in Armenien den Mercedes, doch dazu noch später) maximal zehn Meter vom Wasser entfernt parken kann, um die langweilige (unrussenpopige) Natur ordentlich zu beschallen. Für Unterhaltung zwischen den Getränken müssen zwingend Jetskis oder andere motorisierte Vehikel gemietet werden können. Ein absolutes No-Go ist Sonnencreme, in den winzigen Bikinis stecken viele ganz und gar nicht winzige Figuren und auch das starke Geschlecht zeigt die prallen Wampen mit Stolz. Für die Kinder gibts ein Gumpischloss.

Neben dem Strand gibts in Sewan auch noch eine kulturelle Sehenswürdigkeit, nämlich das uralte armenische Kloster Sevanavank, welches fotogen auf einer Halbinsel (ehemaligen Insel) liegt.

Trotz perfektem Russenstrand packte uns die Lust aufs Baden nicht (zu kalt, ganz klar), und wir verliessen den Sewansee in Richtung Berge, nach Dilidschan. Unterwegs, als unser Taxi mal tanken musste, entstand dieses Foto:

3x Lada, 2x Opel, 4x Mercedes
3x Lada, 2x Opel, 4x Mercedes

Es repräsentiert so ungefähr, was man auf den armenischen Strassen sieht: Die eine Hälfte der Autos sind alte, klapprige Ladas und ausgemusterter Schrott aus Westeuropa, die anderen sind fette, teure Schwanzverlängerungen praktisch ausschliesslich von Mercedes. Bei einem Durchschnittseinkommen von monatlich weniger als 300 Franken und 20% Arbeitslosigkeit im Land schon sehr verwunderlich. Aber man muss ja nicht alles verstehen.

Dilidschan liegt idyllisch in den Bergen und wird deswegen auch “kleine Schweiz von Armenien” genannt. Unser Fazit: Es ist nicht ganz so schön wie Obwalden und es ist schon gar kein Thurgau, aber gefallen hat es uns schon. Dilidschan war “nur” ein kurzer Zwischenstop auf dem Weg nach Georgien, aber wir hatten genug Zeit für eine kleine Wanderung in der Umgebung, wo es zwei (wie könnte es anders sein) alte armenische Kloster zu entdecken gibt. Dabei haben wir Bekanntschaft geschlossen mit einem sehr netten armenischen Bauarbeiter und seinem sehr betrunkenen Bruder, der uns auf ein Bier einlud. Sie wollten wissen, ob und wie man in die Schweiz ziehen könnte. Nach kurzem Brainstorming war ein einfacher und effizienter Weg gefunden, aber wir mussten uns mit einer Notlüge aus der Affäre ziehen: Nathalie’s Schwestern sind leider schon beide verheiratet.

 

Ramzar, Tabris – Chodafes Iran

Vom Bergdörfchen Yuj, wo unser treue Gefährte Ali, sein Esel und sein Gotr uns verlassen haben, gings ab auf die wohl lustigste und beängstigendste Taxifahrt unserer Reise. Im alten Rumpeltaxi (siehe Titelbild) rasten wir in Rekordgeschwindigkeit den Berg runter, als gäbe es einen Preis zu gewinnen. Die schmale nicht geteerte Bergstrasse, fünf Passagiere, Bauarbeiten, lautestmögliche Musik, dabei noch telefonieren, rauchen und mit der freien Hand dem Gegenverkehr winken, und sehr seltsam agierende Bremsen – alles kein Problem für unseren Fahrer, dessen Äusseres uns bedenklich an Borat erinnerte.

Wir kamen glücklich und unbeschadet in Ramzar am kaspischen Meer an, und beschlossen, uns nach den Entbehrungen der letzten Tage eine Luxus-Villa zu mieten, zusammen mit unseren Immer-noch-Reisegspänli Matthias und Manuel. Auch wenn die Villa auf den ersten Blick nach deutlich mehr aussah als sie eigentlich war, genossen wir den sanitären Luxus und kochten uns die besten Spaghetti seit Shanghai.

Ramsar war früher die Sommerresidenz der Shahs, und ist schön gelegen zwischen Bergen und kaspischem Meer. Irgendwie passen aber Mullah-Staat und Badeferien nicht so recht zusammen (Bikini-Tschador?), und weder Strand, noch Wasserqualität noch die lokale Bevölkerung hatte es uns spontan besonders angetan. Deshalb buchten wir schon für den nächsten Tag ein Busticket nach Tabriz, unseren vorläufig letzten Stop im Iran.

Ein VIP wartet auf den Nachtbus
Ein VIP wartet auf den Nachtbus

Die Busfahrt nach Tabriz, obwohl im Luxus-VIP-Bus (Very important Passenger), war die erste und hoffentlich letzt Nachtbusfahrt auf unserer Reise.

Nach den angenehmen Temperaturen in den Bergen und am Meer wurden wir in Tabriz wieder fast erschlagen von der Sommerhitze. Auch der Ramadan wird überraschenderweise viel strenger befolgt als auf dem Land, und so hatten wir unsere Mühe, tagsüber was vernünftiges zu Essen zu finden. Dazu gesellten sich einige Deja-vus beim Anschauen der x-ten Moschee und des ebensovielten Basars. Deshalb beschlossen wir, unsere tolle Zeit im Iran nicht künstlich zu verlängern, und bereiteten unsere baldige Weiterfahrt nach Armenien vor.

Auf der Fahrt zur armenischen Grenze legten wir einen kleinen Abstecher ein, um das Kloster Sankt Stephanos zu besuchen. Sozusagen als kleine Einstimmung auf den Übertritt von der islamischen Republik in das älteste christliche Land der Welt.

Eine Einstimmung der anderen Art bot uns die Fahrt entlang der stark bewachten Grenze zwischen Iran, Aserbaidschan und Armenien. Letztere zwei Länder befinden sich formell noch immer im Kriegszustand, und die Spuren der “heissen” Phase des Krieges (bis 1994) sind deutlich erkennbar.

Schwer bewacht: Eisenbahnbrücke zur Azerbaidschanischen Enklave
Schwer bewacht: Eisenbahnbrücke zur Azerbaidschanischen Enklave

Chodafes Iran, es war super, und wir kommen wieder (wenns mal nicht so heiss und nicht so Ramadan ist).

 

Schlaflos in Teheran

Unsere erste Nachtzugfahrt seit China führte uns bequem von Shiraz nach Teheran. Leider hatten wir bei der Abfahrt schon zweieinhalb Stunden Verspätung, deshalb mussten wir uns die angeblich schöne Landschaft im Dunkel vor den Fenstern selbst vorstellen.

Im Zug lernten wir den jungen Teheraner Damoon und seine Frau kennen, die uns gleich in ihr Abteil einluden und uns fast nicht mehr gehen lassen wollten. Damoon verdient seine Brötchen damit, Kleider auf sehr kreativen Wegen von der Türkei in den Iran zu “importieren”. Wir verabredeten uns mit den beiden am nächsten Tag in Teheran, und bekamen mal wieder die volle Ladung iranischer Gastfreundschaft zu spüren. Die halbe Nacht lang kurvten wir zusammen durch die Stadt, und kriegten nie die Gelegenheit, selbst für irgendwas zu bezahlen. Es war eine gute Gelegenheit, zu erfahren wie die junge Generation tickt, und das Leben im Iran meistert. Es gibt eine recht klare Meinung was die vielen Einschränkungen im täglichen Leben wie Kleidervorschriften, etc. betrifft. Sie werden so gut es geht umgangen und ignoriert. Die obligatorischen Kopftücher hängen bei den jungen Frauen demonstrativ so weit hinten wie irgend möglich, und rutschen gerne mal “aus Versehen” ganz runter.

Schlaflos in Teheran
Schlaflos in Teheran

Auch zu ein wenig Tourismus liessen wir uns in Teheran hinreissen, und besuchten den Golestanpalast, den früheren Sitz des Shahs, sowie die frühere US-Botschaft, welche von aussen mit ziemlich expliziten Graffitis verziert ist.

Trotz 15 Millionen Einwohnern bietet Teheran für Touristen relativ wenig, besonders während dem Ramadan und der sommerlichen Bruthitze. Schon nach zwei Tagen “flüchteten” wir deshalb in Richtung der Berge zwischen Teheran und dem kaspischen Meer, um in den gemässigteren Temperaturen zu Wandern und das gemütlichere Landleben zu geniessen.

 

Aschgabat – Willkommen in Absurdistan

Aschgabat, die bizarre Hauptstadt eines bizarren Landes. Man sollte nicht versuchen, diesen Ort zu begreifen, weil das sowieso scheitern und zu nichts führen würde.

Deshalb werde ich hier auch nicht anfangen, etwas über seine Geschichte zu erzählen, sondern einfach eine Reihe von Eindrücken schildern und ein paar zusammenhangslose Fakten und Geschichten erzählen, die wir bei unserem Besuch aufgeschnappt haben.

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Hallo Aschgabat

Die Ära Turkmenbaschi

  • Der selbsternannte “Führer der Turkmenen” (Turkmenbaschi) Saparmyrat Nyýazow prägte das Land von 1992 bis zu seinem Tod 2006 mit seinem Personenkult und vielen interessanten Regeln und Gesetzen: So liess er zum Beispiel das Musikhören im Auto verbieten und änderte die Namen der Monate (der April trägt jetzt den Namen seiner Mutter).
  • Sein (angeblich selbst geschriebenes) Buch, “das Buch der Seele” (Ruhnama), ist eine seltsam verdrehte, religiös angehauchte Geschichte Turkmenistans und war bis zu Turkmenbaschis Tod Pflichtlektüre an allen Schulen und musste einen Viertel (!) der Unterrichtszeit in Anspruch nehmen.
  • Verschiedene westliche Firmen haben keine Skrupel, sich an der Gehirnwäsche des turkmenischen Volkes zu beteiligen, und finanzierten Übersetzungen des Buches um sich dafür Aufträge in Turkmenistan zu sichern. Darunter Siemens und DaimlerChrysler! Hier ein interessanter Trailer eines Dokumentarfilms zum Thema.
  • Als wir vor der überdimensionalen Ruhnama-Statue in Buch-Form standen, konnten wir auch nicht mehr widerstehen, und haben uns eines als Souvenir gekauft.

    Die Buch-Statue
    Die Buch-Statue
  • Überdimensionale Statuen waren voll Turkmenbaschis Ding. Sein Meisterwerk war wohl das peinlich riesige Neutralitätsdenkmal mit einer Goldstatue von sich selbst auf der Spitze, welche sich fortlaufend nach der Sonne dreht (Das Denkmal wurde vom neuen Präsidenten 2010 an den Stadtrand “verbannt” und die Statue dreht sich seither nicht mehr).

    Hat den grössten: Turkmenbaschi-Statue, leider nicht mehr mit Sonnennachführung
    Da würde sich Turkmenbaschi im Grab umdrehen: Seine Statue ist am Stadtrand und dreht sich nicht mal mehr mit der Sonne!
  • Der neue Präsident, Gurbanguly Berdimuhamedow, bastelt mittlerweile an seinem eigenen Personenkult. Er hat sich noch keinen Titel à la Turkmenbaschi verliehen, sondern begnügt sich bisher mit dem selbst geschaffenen “Orden des Mutterlandes”. Berdimuhamedow hat sich übrigens durch seine Dienste als Turkmenbaschis Zahnarzt für seine heutige Präsidentenrolle qualifiziert.
    Die CIA weiss über Berdimuhamedow folgendes: “Berdimuhamedov does not like people who are smarter than he is. Since he’s not a very bright guy, our source offered, he is suspicious of a lot of people.
  • Apropos Zahnarzt, hier eine etwas ältere Episode von Turkmenbaschi: Bei einem Interview mit einer Studentin gefielen ihm deren Goldzähne nicht. Sein Wort ist Gesetz, und so waren Goldzähne Tage später verboten. Turkmenbaschis Rat dazu: “Kaut mehr Knochen, damit eure Zähne nicht ausfallen”.

Ashgabat

  • Die Stadt zeigt sich als ungewöhnliche Oase in der Wüste, zu einem grossen Teil aus blütenweissem Marmor gebaut, mit Gold verziert, und von bewässerten Parks umgeben. Perfekte Strassen auf denen neue Autos fahren (ganz im Gegensatz zum Rest des Landes, wie wir schon gesehen haben), die Parks und viele der neuen Häuser scheinen jedoch menschenleer.
  • Die paranoide Seite der autokratischen Regierung zeigt sich, wenn man die unglaublich fotogenen Häuserreihen fotografieren will: Uniformierte (und nicht uniformierte) Polizisten und Soldaten sind jederzeit in Sichtweite (die nicht Uniformierten erkennt man an ihrem schlendernden Gang, ihrem starken Parfüm, und dem Funkgerät am Gürtel). Da das Fotografieren jeglicher Regierungsgebäude streng verboten ist, und die halbe Stadt aus Regierungsgebäuden besteht, haben wir nur wenige Fotos gewagt.
  • Am gefährlichsten ists in der Nähe von Turkmenbaschis goldbedomtem Präsidentenpalast. Man muss als Fussgänger auf die andere Strassenseite wechseln, weil auf dem breiten Trottoir vor dem Palast anscheinend nur die Sicherheitsleute erlaubt sind.
  • Der Name der Stadt bedeutet nicht “liebliche Stadt” (persisch ʿSchghābad), wie in den meisten Quellen genannt, sondern geht auf Arsakes I zurück, den Begründer des Partherreiches, und sollte demnach eigentlich Arschgabat heissen. Das würden wir viel cooler finden. Quelle: Rafi, unser Tourguide in Maschhad
  • Die vielen schwer nachvollziehbaren Regeln, die das Land seinen Bürgern auferlegt, scheinen auch im Verhalten der Bevölkerung ihre Spuren zu hinterlassen. So waren wir die einzigen die sich wunderten, eine Putzfrau zu sehen, die das Trottoir vor einer Universität feucht aufnahm. Oder dass in unserem Hotel morgens um 07:59 unser Wunsch nach Frühstück abgelehnt wurde, mit dem Hinweis, Frühstück gibt es erst ab acht.
  • Apropos Hotel: Unseres hatte den kuriosen Namen “Ministry of Internal Affairs”, und ist im Internet komplett unauffindbar. Viele Hotels in Ashgabat sind angeblich verwanzt, teuer, und (abgesehen von verschiedenen uniformierten Menschen darin und davor) weitgehend menschenleer.
    Trotzdem baut die Regierung weiterhin wie besessen neue Hotels, die dann leer rumstehen.
  • Wenn die Regierung wieder einen der (wenigen) noch verbliebenen Sowjet-Blocks abreisst, könnte man meinen, dass die Leute dafür in ein schönes neues Marmorgebäude umgesiedelt werden. Dem ist aber scheinbar nicht so, da die neuen Prunkbauten vor allem für leerstehenden Büros, Ministerien, oder eben Hotels ‘benötigt’ werden. Viele Familien leben deshalb in provisorischen Baracken ausserhalb der Stadt.
  • Allgemein scheint ein hoher Lebensstandard zu herrschen. Die Bürger bekommen ihren Anteil am “gottgegebenen” Erdgasreichtum des Landes, durch symbolische Preise für Energie (1 Liter Benzin kostet weniger als 20 Rappen), Wohnungen und Lebensmittel (Salz ist gratis).
  • Leider scheint es keinerlei Bestrebungen zu geben, irgend etwas Nachhaltiges mit diesem Reichtum anzufangen: Sehr viele Produkte werden importiert, der französische Baukonzern Bouygues baut die neuesten Fantasieprojekte des Diktators (und ist darauf mächtig stolz), Infrastruktur ausserhalb von Ashgabat ist kein Thema, und in die Bildung wird auch nicht investiert.
  • Stattdessen werden regelmässig Stadtteile wieder abgerissen (auch solche die schon aus Marmor sind) und Prestigeprojekte wie die 2017 Asian Games, das Turkmenbaschi Disneyland (so gut wie nie geöffnet), die grösste Fahnenstange der Welt, der grösste Brunnen der Welt oder das grösste Indoor-Riesenrad der Welt (wie beknackt ist das denn?) finanziert.

Turkmenistan rangiert auf der Rangliste der Pressefreiheit an drittletzter Stelle, nur  noch geschlagen von Eritrea und Nordkorea. Nach der Veröffentlichung dieses Blogartikels können wir nur auf die Unfähigkeit seines Auslandgeheimdienstes hoffen, wenn wir jemals wieder ein Visum wollen 🙂

In diesem Zusammenhang hier ein kurzer Einblick ins wirre turkmenische Fernsehen, ohne weiteren Kommentar (News Independent Neutral Turkmenistan in the Prosperous Era of the Powerful State):

An unserem letzten Abend in Aschgabat genossen wir die letzten gemütlichen Bierchen in der Gartenbeiz, und stellten uns auf die Trockenzeit in der islamischen Republik ein.

 

Kulturerbe und Umweltproblem – Nukus

Eigentlich stehen wir ja irgendwie auf Städte im melancholischen postsowjetischen Zerfallszustand. Und nach den vielen Moscheen, Madrasas und antiken Ruinen der vergangenen Woche freuten wir uns richtig auf Nukus, die nicht einmal hundertjährige Hauptstadt der Region Karakalpakistan im Nordwesten Usbekistans.

Seit ihrer Gründung 1932 war Nukus bis in die 1960er Jahre eine blühende Stadt in der Wüste, gelegen am mächtigen Fluss Amudarja und am Aralsee. Von beiden Lebensadern sind heute nur noch kümmerliche Reste übrig, da das meiste Wasser im Osten des Landes für riesige Baumwoll-Monokulturen abgeleitet wird und weder Nukus noch den Aralsee erreicht. Die Folgen für die Stadt sind fatal: Sie leidet unter Salz- und Pestizidhaltigen Sandstürmen, und hoher Arbeitslosigkeit durch den wirtschaftlichen Abschwung der ganzen Region.

Der kümmerliche Rest des Amudarja bei Nukus
Der kümmerliche Rest des Amudarja bei Nukus

Die erste “Abwechslung”, wenn auch nicht im positiven Sinn, brachte unser Hotel. Wenn man in der ehemaligen Sowjetunion in ein Hotel eincheckt, das den gleichen Namen wie die Stadt trägt, ist man bekannterweise selbst Schuld. Das Hotel Nukus in Nukus macht da keine Ausnahme.

Die Kneipenschlägerei die wir beim WM-Schauen am gleichen Abend mitkriegten vervollständigte das Bild der deprimierten Stadt. Zwar wurden wir von drei sehr netten aber zwielichtigen Herren eingeladen, viel Bier zu trinken und die Agression am Nebentisch zu ignorieren, die Stimmung aber war irgendwie zerstört, genauso wie die mühevoll eingerichtete Fussball-WM-Beamer-Anlage.

Ein Lichtblick für die Stadt ist das Savitsky-Museum: Sein Gründer Igor Savitsky baute bis zu seinem Tod 1984 eine immense Kunstsammlung auf, die zu einem grossen Teil ehemals “verbotenen” Stilrichtungen angehört. Stalin tat während seiner Regentschaft sein Bestes, alle Nicht-Sowjetische Kunst zu eliminieren. Viele Künstler landeten in Arbeitslagern, und nicht wenige flohen weit weg von Moskau, um dort weiter zu arbeiten. Nur durch seine Abgelegenheit in Nukus überlebte auch die Savitsky-Sammlung. Sie ist heute der einzige Grund, warum die französischen Reisegruppen nicht schon in Buchara oder Khiva kehrt machen.

Dank Savitsky verirren sich die Kulturinteressierten iPad-Fotografen bis nach Nukus
Dank Savitsky verirren sich die kulturinteressierten iPad-Fotografen heute bis nach Nukus

Leider gibts vom Museum kein Foto, da die Fotoerlaubnis etwa zehnmal soviel gekostet hätte wie der Eintritt. Hier aber der Trailer zur Doku “The Desert of Forbidden Art“.

Unseren letzten Tag in Usbekistan verbrachten wir mit einem Ausflug nach Moynaq, einem früheren Fischerdorf welches heute 200km vom Aralsee entfernt liegt. Hier wurde uns nochmal, unverschämt fotogen, das Ausmass dieser unglaublichen, vom Mensch verursachten Umweltkatastrophe vor Augen geführt.

Am nächsten morgen ging die Reise weiter…

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Stan nummer drei: Turkmenistan!

Taschkent

Aus dieser Stadt gäbe es eigentlich nicht viel zu erzählen, wäre Taschkent nicht Hauptstadt und diktatorisches Machtzentrum von Usbekistan.

Die einzige touristische Aktivität, für die wir uns Zeit genommen haben, war der Besuch des Eisenbahnmuseums – eine bunte Sammlung von sowjetischen Maschinen, die gewisse Mitreisende sich nicht entgehen lassen wollten. Deshalb muss ich (Samuel) diesen Artikel schreiben und euch mit vielen Fotos langweilen beglücken.

Angetan hat es uns in Taschkent auch die Metro. In den wunderschönen Stationen fühlt man sich in die siebziger Jahre zurückversetzt, und das völlige Fehlen von Werbung ist richtig entspannend. Da das Metrosystem in einen Atomschutzbunker umfunktionierbar ist, darf man leider nicht fotografieren. Für dieses Foto der Station “Kosmonavtlar” haben wir die Deportation riskiert, aber es hat sich gelohnt:

Kosmonavtlar
Kosmonavtlar

In Taschkent konnten wir uns auch mit dem usbekischen Geld vertraut machen. Die Hundertdollarscheine die wir seit Bischkek mit uns rumtragen, tauschten wir im Schwarzmarkt gegen je dreihunderttausend “Som” ein (Bei der Bank oder am Bankomat würden wir etwa 30% weniger kriegen). Da man in Usbekistan davon überzeugt ist, dass die Inflation bald gestoppt und umgekehrt(!) wird, hat die grösste gebräuchliche Note einen Wert von 1000 Som (Die neuen 5000er sind noch ziemlich selten). Das sieht dann so aus wie im folgenden Bild, wir mussten das Portemonnaie gegen eine Umhängetasche tauschen.

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So sehen fünfzig Franken in Usbekistan aus

Daneben kriegten wir in Taschkent vor allem einen kurzen Einblick in den autoritären Polizeistaat der Usbekistan heute ist:

  • Uniformierte Menschen an jeder Strassenecke (buchstäblich)
  • Strenges Fotografierverbot von öffentlichen Gebäuden, Infrastruktur, etc. (Im Zweifelsfall einen der oben genannten Uniformierten fragen, weit kann er nicht sein)
  • Passkontrolle und Registrierung an Checkpoints alle paar Kilometer auf der Strasse, vor jeder Metrofahrt, um ein Zugbillet zu kaufen, etc.

Diktator Karimov war 1991 Chef der kommunistischen Partei der usbekischen Republik. Nach dem Zerfall der Sowjetunion benannte er seine Partei kurzerhand um zur “Volksdemokratischen Partei Usbekistan” und liess sich mit überwältigender Mehrheit zum ersten Präsidenten wählen. Seither hält er seine Macht mit den bewährten Methoden eines seriösen Diktators:

Die internationale Gemeinschaft drückt grosszügig beide Augen zu, so lange das wertvolle Erdgas weiter fliesst (Europa), und man die Militärbasen für Operationen in Afghanistan nutzen kann (USA).

Nach zwei Nächten im Gasthaus “Gulnara” (Zur Bedeutung dieses Namens schreibt Nathalie bald noch was) verliessen wir die Usbekische Hauptstadt ohne ihr eine Träne nachzuweinen, in Richtung der Tourismusmetropole Samarkand. Dort ist der Polizeistaat gut hinter den renovierten Fassaden versteckt.

ein Vorgeschmack auf Samarkand - französische Reisegruppe
Ein Vorgeschmack auf Samarkand – französische Reisegruppe im besten Alter

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Wer zur Zeit aufmerksam unseren ständig aktualisierten Masterplan studiert, sieht dass wir nicht mehr in Kirgistan sind, sondern im Iran. Genauer gesagt in Shiraz.

Wir sind weniger als 500km von Doha entfernt, wo wir auf unserem Flug nach Singapur eine Zwischenlandung eingelegt haben.

Der Plan - 29.6.2014
Der Plan – 29.6.2014

Schockierenderweise haben wir erst die halbe Strecke unserer Heimreise hinter uns!

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Die Panik hält sich in Grenzen

Karakol – ein bisschen Schweiz, ein bisschen Sowjetunion

Nach der erfolgreichen aber mühsamen Visa-Schlacht in Bischkek war es wieder Zeit für einen Ausflug in die wunderschöne kirgisische Natur. Per Marschrutka liessen wir uns zum Yssykköl See kutschieren.

Der Yssykköl ist der grösste See in Kirgistan (mehr als zehnmal so gross wie der Bodensee!), und liegt auf 1600 Metern umringt von hohen Bergen. Der See besitzt keinen Abfluss und hat deshalb einen leicht erhöhten Salzgehalt, weshalb er auch im Winter nie gefriert (Yssykköl bedeutet “heisser See”).

Früher nutzten die Sowjets die Abgeschiedenheit dieser Region, um im See ungestört Torpedos zu testen, und im umgebenden Gebirge Uran abzubauen. Überbleibsel aus dieser Zeit sind eine russische Torpedo-Forschungsstation in Karakol, von der man nicht so recht weiß ob sie noch in Betrieb ist, sowie einige Schlammseen mit radioaktiven Abfällen aus dem Bergbau, welche in den Yssykköl zu lecken drohen (Eines der grössten Probleme welches Kirgistan von der Sowjetunion geerbt hat).

Die Marschrutka spukte uns in Cholpon-Ata aus, einem Städtchen am Nordufer des Yssykköl. Hier verbrachten zu Sowjetzeiten tausende Touristen ihre organisierten Massensommerferien, was man an den etwas lieblos hinbetonierten Sanatorien und Hotels erkennen kann. Heute dient die Stadt dem (“demokratisch gewählten”) kirgisischen Präsidenten als Sommerresidenz, und vielen jungen Kasachen und Russen als Ibiza-Ersatz.

(Un)Glücklicherweise kamen wir genau einen Tag vor Saisoneröffnung an: In der ersten Imbissbude, in welche man uns mit viel Charme und gutem Zureden hineingelockt hatte, wollten wir eigentlich was zu Essen bestellen. Es stellte sich aber irgendwann heraus, dass nichts von der Speisekarte erhältlich war, ausser Tee. Wir wurden aber sehr herzlich eingeladen, während der Saison (morgen) wieder zu kommen.

Wir verzichteten, und fuhren am nächsten Tag weiter nach Karakol. Ein weiteres verschlafenes und leicht heruntergekommenes Sowjet-Städtchen (genau nach Samuels Geschmack), das als Ausgangspunkt für Trekkingtouren ins Tian Shan Gebirge dient. Und genau dies hatten wir vor. Da die interessantesten Routen aber bis auf 3700 Meter über Meer führen, waren wir auch hier noch ein bisschen zu früh dran, und mussten uns mit einer Wanderung zum “Basislager” Altyn Arashan begnügen.

Altyn Arashan ist ein abgeschiedenes Bergtal auf etwa 2400 Metern über Meer. Der Name bedeutet “Goldenes Heilbad”, und beschreibt die Besonderheit des Ortes: Eine Reihe von heissen Quellen die aus dem Berg sprudeln. Hier konnten wir beim russischen Abenteurer Vladimir übernachten, und unsere untrainierten Wandermuskeln im spektakulären Schwefelbad unter freiem Himmel entspannen.

Leider mussten wir die schönen Berge schon am nächsten Tag wieder verlassen, und uns auf den langen Weg zurück nach Bishkek und von da aus weiter in Richtung Usbekistan aufmachen. Und dies ohne einmal in einer Jurte übernachtet zu haben und auf einem Pferd geritten zu sein. Aber das werden wir nachholen, denn dies war nicht unser letzter Besuch in Kirgistan!


In der Sowjetunion gehen auch Lastwagen bergwandern.

Fünf Minuten Pakistan

Anstatt nach Kirgistan weiter zu reisen entschlossen wir uns spontan für einen letzten, dreitätigen Abstecher von unserer Route in China, von Kashgar bis an die Grenze Pakistans.


Die abenteuerlustige Reisegruppe bestand neben unserer Wenigkeit aus einem weiteren Päärli aus der Schweiz, die wir schon in Südchina angetroffen haben, sowie zwei finnischen Bilderbuch-Szenis aus Peking/Helsinki, die an einem “Social Media Projekt” arbeiteten (Wie sich herausstellte, ist das Hipster-Sprech für “Fotos und Videos machen und die dann auf Facebook laden”).

Die Tour führte uns entlang des Karakorum Highway zunächst in das Städtchen Tashkurgan, welches schon vor tausend Jahren ein wichtiger Stop für die Karawanen auf der Seidenstrasse war. Heute ist davon nur noch die Ruine einer alten Festung zu sehen, die das oasenähnliche Tal überblickt. Die Stadt liegt im “autonomen Gebiet der Tadschiken”, eine der vielen Minderheiten in China.

Die Bemühungen der Regierung, das Gebiet den chinesischen Touristenmassen schmackhaft zu machen, scheinen bisher genau so wenig zu fruchten wie in Kashgar. Von den ernstgemeinten Absichten zeugen jedoch riesige Parkplätze, hunderte leere Souvenirstände, und sogar ein Touristenzügli!

Eine Nacht wollten wir eigentlich in einer Jurte am Karakul See verbringen. Ein weiteres Beispiel wie inkompatibel das chinesische Tourismusangebot mit den Ansprüchen von uns Westlern manchmal ist: An einer Stelle des Bergsees gibt es einen Parkplatz mit zwanzig halbzerfallenen Souvenirständen, und einem betonierten Pfad der hundert Meter in beide Richtungen dem See entlang führt. Um dieses tolle Angebot benutzen zu dürfen, wird natürlich Eintritt verlangt. Achja, und die “Jurten” sind aus Beton! Wir verzichteten dankend und genossen den See zwei Kilometer weiter ganz ohne zivilisatorischen Luxus.

Am zweiten Tag ging unsere Fahrt weiter bis zur Passhöhe des Khunjerab-Passes auf fast 4700m. Hier befindet sich auch die Chinesisch-Pakistanische Grenze, und weil weit und breit kein Pakistani zu sehen war weil sie im Niemandsland zwischen den beiden Grenzposten liegt, durften wir sogar kurz auf die andere Seite!

Der eisige Wind liess uns aber relativ bald wieder ins warme Auto fliehen, und nach einer längeren Odyssee zurück nach Kashgar waren wir nun definitiv bereit für unser erstes “stan” – Kirgistan!

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