Archiv der Kategorie: Kirgistan

Von Karakol nach Taschkent in drei Schritten

1. Schritt: Sammeltaxi nach Bischkek

Der erste Teil dieser Odyssee war auch der einfachste: Rucksäcke packen, zum Busbahnhof laufen, Preis aushandeln, warten bis das Taxi voll ist, fahren, fahren, fahren, aussteigen, einchecken ins Hostel in Bischkek, dieselben Leute vom letzten Mal Bischkek treffen (inzwischen solche mit mehr Visa), Znacht essen und Bier trinken, schlafen, aufstehen, Rucksäcke packen, Geld holen (мы любим KazKom Банк) und zum Oschbazar düsen.

bye bye Issyk Köl
bye bye Yssykköl

 

2. Schritt: Sammeltaxi nach Osch

Die Fahrer nach Osch starten vom Osch Bazar in Bischkek (logisch, wo sonst?). Dort quetschten wir uns auf die Rücksitze eines Siebenplätzers nach einer kurzen Unterhaltung mit dem goldbezahnten Traineranzugtragenden Kollegen des Fahrers. “Where you from?” , “Ah Switzerland, watches!” und zeigte auf seine goldene Armbanduhr. Dann deutet er lachend auf den Fahrer: “Schumacher!” Nun wussten wir was uns erwarten würde.

Zu uns gesellten sich:

  •  ein Dreizehnjähriger Junge, der die Vorzüge des Smartphonezeitalter und Übersetzungsapplikationen zu nutzen wusste,
  • ein Mann um die 40 -nennen wir ihn Adilet– der uns zunächst Mal fünf Minuten anstarren musste, sich dann Sämis Telefon auslieh um nach Hause zu telefonieren und schliesslich Schumacher um sein Geld prellte,
  • eine junge russische Mutter, nachdem sie sich ausgiebig von Mann und Tochter verabschiedet hatte,
  • schliesslich eine Babuschka auf dem Beifahrersitz, welche den Grossteil der Strecke zu schlafen schien.

Schumacher machte seinem Namen alle Ehre und verhielt sich auf der schmalen Strasse, die über zwei Pässe führte – den Tor Ashuu Pass (3586m) und den Ala-Bel Pass (3184m) –  wie auf einer Formel 1 Rennstrecke. Trotz dem Tempo konnten wir den einen oder anderen Blick auf die wunderschöne Landschaft erhaschen.
Bald nach dem Abstieg ins Ferghanatal bogen wir auf eine Rumpelpiste ab und fuhren zu einem kleinen Dorf, wo Adilet schnell versprach das Geld für die Fahrt zu holen, ausstieg und nicht mehr gesehen war. Janu fuhren wir halt weiter der Grenze entlang bis nach Osch, wo wir uns ein schönes Zimmer gönnten für die letzte Nacht in Kirgistan.

3. Schritt: Sammeltaxi nach Taschkent

Am nächsten Tag packten wir unsere Rucksäcke strategisch für den Grenzübertritt nach Usbekistan.
Die Usbeken möchten nicht, dass Devisen aus dem Land getragen werden. Daher muss alles tuisig Geld bei Eintritt und bei Austritt deklariert werden. Es empfiehlt sich wie üblicherweise im Zusammenhang mit Beamten alles wahrheitsgetreu anzugeben.
Nun denn für unsere Verhältnisse früh morgens trafen wir beim Grenzübergang ein. Die Kirgisen waren relativ unkompliziert und stempelten uns nach mehrfacher Passkontrolle aus. So zogen wir weiter zum usbekischen Polizeistaat. Dort füllten wir den nötigen Papierkram aus und stellten uns den Beamten. Die eifrigste Beamtin war froh wieder einmal Französisch sprechen zu können. So erklärte sie uns, dass sie nur wissen wollen, was auf unseren Computern, CD’s (! wer hat schon CDs dabei?), USB Sticks ist, welche Medikamente wir dabei hätten und welche Bücher. Unerwünscht sind Pornographie, religiöse Bücher und politische Traktate.
Nachdem durch ausgiebiges Stöbern in unseren Fotos, Daten und Rucksäcken sichergestellt war, dass wir unschuldige Touristen sind, weder politische noch religiöse Ambitionen haben und keine Pornografie mittransportierten, durften wir passieren. Netterweise sagten uns die Beamten noch wie viel die Fahrt von der Grenze nach Taschkent kosten soll (15$). Kaum raus aus dem Reich der Grenzbeamten, trafen wir auf einen berndeutsch sprechenden Usbeken und sturzbetrunkene Taxifahrer die uns mit Guetzli beschenkten. Nach nur einer Stunde war ein Sammeltaxi gefüllt, und ein fast nüchterner “Schofjor” fuhr uns über mehrere Checkpoints und Passkontrollen nach Taschkent.

Karakol – ein bisschen Schweiz, ein bisschen Sowjetunion

Nach der erfolgreichen aber mühsamen Visa-Schlacht in Bischkek war es wieder Zeit für einen Ausflug in die wunderschöne kirgisische Natur. Per Marschrutka liessen wir uns zum Yssykköl See kutschieren.

Der Yssykköl ist der grösste See in Kirgistan (mehr als zehnmal so gross wie der Bodensee!), und liegt auf 1600 Metern umringt von hohen Bergen. Der See besitzt keinen Abfluss und hat deshalb einen leicht erhöhten Salzgehalt, weshalb er auch im Winter nie gefriert (Yssykköl bedeutet “heisser See”).

Früher nutzten die Sowjets die Abgeschiedenheit dieser Region, um im See ungestört Torpedos zu testen, und im umgebenden Gebirge Uran abzubauen. Überbleibsel aus dieser Zeit sind eine russische Torpedo-Forschungsstation in Karakol, von der man nicht so recht weiß ob sie noch in Betrieb ist, sowie einige Schlammseen mit radioaktiven Abfällen aus dem Bergbau, welche in den Yssykköl zu lecken drohen (Eines der grössten Probleme welches Kirgistan von der Sowjetunion geerbt hat).

Die Marschrutka spukte uns in Cholpon-Ata aus, einem Städtchen am Nordufer des Yssykköl. Hier verbrachten zu Sowjetzeiten tausende Touristen ihre organisierten Massensommerferien, was man an den etwas lieblos hinbetonierten Sanatorien und Hotels erkennen kann. Heute dient die Stadt dem (“demokratisch gewählten”) kirgisischen Präsidenten als Sommerresidenz, und vielen jungen Kasachen und Russen als Ibiza-Ersatz.

(Un)Glücklicherweise kamen wir genau einen Tag vor Saisoneröffnung an: In der ersten Imbissbude, in welche man uns mit viel Charme und gutem Zureden hineingelockt hatte, wollten wir eigentlich was zu Essen bestellen. Es stellte sich aber irgendwann heraus, dass nichts von der Speisekarte erhältlich war, ausser Tee. Wir wurden aber sehr herzlich eingeladen, während der Saison (morgen) wieder zu kommen.

Wir verzichteten, und fuhren am nächsten Tag weiter nach Karakol. Ein weiteres verschlafenes und leicht heruntergekommenes Sowjet-Städtchen (genau nach Samuels Geschmack), das als Ausgangspunkt für Trekkingtouren ins Tian Shan Gebirge dient. Und genau dies hatten wir vor. Da die interessantesten Routen aber bis auf 3700 Meter über Meer führen, waren wir auch hier noch ein bisschen zu früh dran, und mussten uns mit einer Wanderung zum “Basislager” Altyn Arashan begnügen.

Altyn Arashan ist ein abgeschiedenes Bergtal auf etwa 2400 Metern über Meer. Der Name bedeutet “Goldenes Heilbad”, und beschreibt die Besonderheit des Ortes: Eine Reihe von heissen Quellen die aus dem Berg sprudeln. Hier konnten wir beim russischen Abenteurer Vladimir übernachten, und unsere untrainierten Wandermuskeln im spektakulären Schwefelbad unter freiem Himmel entspannen.

Leider mussten wir die schönen Berge schon am nächsten Tag wieder verlassen, und uns auf den langen Weg zurück nach Bishkek und von da aus weiter in Richtung Usbekistan aufmachen. Und dies ohne einmal in einer Jurte übernachtet zu haben und auf einem Pferd geritten zu sein. Aber das werden wir nachholen, denn dies war nicht unser letzter Besuch in Kirgistan!


In der Sowjetunion gehen auch Lastwagen bergwandern.

Bischkek: Papiere sortieren

Nach Bischkek geht man, um die Weiterreise zu organisieren. In der einreisetechnisch eher schwierigen Umgebung ist Kirgistan ein kleines Paradies: Reisende aus über 44 Ländern können ohne Visa einreisen. Daher trifft sich die ganze Meute in Bischkek um Passfotos zu machen, Formulare auszufüllen und vor allen möglichen Botschaften Schlange zu stehen.

Schlange hier zum Beispiel: vor der usbekischen Botschaft
Schlange hier zum Beispiel: vor der usbekischen Botschaft

So durften auch wir die eine oder andere Erfahrung machen mit der Bürokratie fremder Länder… Wir lernten:
• dass man sein Chinavisum besser nicht hier organisiert, ausser man sichert sich die Dienste von Miss Liu, die allerdings nicht ganz billig sind.
• dass man mit einem Einladungsbrief das usbekische Visum in einer halben Stunde bekommt.
•dass man ohne Einladungsbrief während einer Woche täglich auf der usbekischen Botschaft anrufen muss, um nachzufragen, ob man das Visum schon bekommt.
•dass alle Bürokratien zuerst zwei Passfotos verlangen und dann doch nur eines benötigen.
•dass gewisse Engländer “Visa-Beantragungs-Hosen” besitzen und darauf schwören, dass damit alles viel einfacher und schneller geht.
•dass die chinesische Botschaft vor ein paar Jahren von einem Tag auf den anderen beschloss keine Visa mehr auszustellen und die Reisepläne etlicher Touristen durcheinander brachten.
• dass ein amerikanischer Pass das Reisen um einiges teurer und komplizierter macht.
•und schliesslich, dass es immer hilft wenn man freundlich und geduldig ist.

Nebst dem ganzen Papierkram bietet Bischkek auch Geldautomaten, die Dollars rauslassen, viele Grünflächen, sehr liebe Leute, nette kleine Restaurants, viele Marschrutkas, erstaunlich viele Gumpischlösser für Kinder, freundliche, passkontrollierende Polizisten, unebene Trottoirs, feines Brot und noch besseres Bier, viele aus Deutschland importierte alte Lieferwagen und noch ältere sowjetische Lastwagen, Miniröcke und Kopftücher, bellende Hunde, Ende Mai ein angenehmes Klima und sehr saubere Hostels.

Nach vier Tagen hatten wir alle nötigen Visa beieinander und gönnten uns einen Ausflug zum zweitgrössten Bergsee der Welt dem Issik Köl.

Naryn erste Schritte in Zentralasien

Naryn erfüllte innerhalb kürzester Zeit alle unsere Erwartungen an Kirgistan: Berge, wilde Pferde, Wodka und Sowjetunion. Bei einer Wanderung in den umliegenden Bergen trafen wir auf die wilden Pferde, den Wodka am Abend als wir zu DJ Antoines Klängen ein paar neue Freundinnen fanden. Die Sowjetunion zeigte sich beim Herumspazieren in ihrer vergangenen Pracht: sozialistische Parolen, Hammer und Sichel, rostige Ladas und Plattenbauten.

Von Naryn aus ging’s auch auf einen kleinen Ausflug nach Tasch Rabat (steinerne Herberge auf kirgisisch). Tasch Rabat ist ein ehemaliges nestorianisches (und/oder buddhistisches, je nach Quelle) Kloster das später als Karawanserei der Seidenstrasse diente.
Nach der Besichtigung der Gaststätte und dem dankbaren Gefühl darüber, dass sich die Qualität der Beherbergung in den letzten paar Jahrhunderten erheblich gesteigert hat, wanderten wir los die Umgebung zu erkunden.

Nach diesen paar Tagen Erholung in den Bergen, war es an der Zeit diverse Botschaften in Bischkek auszuprobieren.

 

Vom Sandsturm in den Schneesturm: Torugart

Zeit China zu verlassen, Zeit den Essstäbchen abzuschwören und sich dem Schaschlik zuzuwenden.
Es gibt zwei Möglichkeiten Kashgar in Richtung Kirgistan zu verlassen: den Irkeshtam Pass, der nach Osch im Ferghanatal führt und den Torugart Pass, welcher nach Naryn im Norden führt.

Wir wussten schon lange, dass wir lieber über den Torugart reisen möchten, da spektakulärer und auf direkterem Weg zum Visaparadies Bischkek. Nur erwies sich dies als  komplizierter als anfangs gedacht. Denn eigentlich wollen weder die Chinesen noch die Kirgisen Touristen dort haben. Man darf nur mit Tourguide, Spezialchauffeur und Bewilligung über den Pass und die Passnummern müssen vorher in Bischkek angemeldet werden. Das alles macht die Reise entsprechend teuer. Nachdem eine australische Reisegruppe im besten Alter uns ums Verrecken nicht mitnehmen wollte, fanden wir ein spanisch-französisches Pärchen, das die
Kosten mit uns teilen wollte. Im letzten Moment gesellte sich noch eine Koreanerin zu unsremTorugart-Reisegrüppchen.

So packten wir unsere Rucksäcke, liessen das sandstürmige 30-grädige Kaschgar hinter uns und fuhren durch die Wüste langsam den Pass hoch. Vorbei an etlichen Checkpoints erreichten wir schliesslich die Grenze auf Passhöhe auf 3752 m im Schneesturm bei -4°C. Wir verabschiedeten uns von unserer chinesischen Reisebegleitung, zu der sich für die letzten Kilometer auch noch ein Grenzsoldat gesellt hatte, und überschritten die eigentliche Grenze im eisigen Schneegestöber. Unser kirgisischer Fahrer wartete zum Glück schon auf der anderen Seite. Eine kurze Autofahrt durch eine unwirkliche Winterlandschaft führte zum kirgisischen Grenzposten, wo eine goldbezahnte Grenzbeamtin uns ruck zuck in Kirgistan einstempelte: добро пожаловать!
Ein paar Autostunden später, einige Höhenmeter tiefer und einige Grad wärmer landeten wir an unserem Ziel: Naryn.