Die Karawane zieht weiter: von Maschhad nach Yazd

Wie kommt man von Maschhad nach Yazd? Zunächst wollten wir den Zug nehmen – der war jedoch schon ausgebucht. Auf den nächsten Zug warten war keine Option, da Dania und Martin nicht allzu viel Zeit hatten bis das Transitvisum Turkmenistan anfing. Da bot Rafi an, ein Kollege von Vali und Reiseführer von Beruf, uns nach Yazd zu fahren. Dies kostete uns eine Stange Geld, dafür konnten wir von Rafis Erfahrungen und seinen Kenntnissen als Hobbyarchäologe profitieren unter anderem hat er schon für die BBC gearbeitet.

Fahrbereitschaft erstellen...
Fahrbereitschaft erstellen…

Einen ersten Halt machten wir beim Aliabad-Turm. Rafi zeigte uns die Reiseberichte von Agnes Gabriel-Kummer und deren Ehemann Alfons, die in den Dreissigern des letzten Jahrhunderts als erste Europäer (Österreicher) die Wüsten Persiens durchquerten. Dabei machten sie auch bei diesem Turm halt, und wunderten sich genau wie wir, was dessen Sinn und Zweck hätte gewesen sein können.

Als wir ein Stück weiter anhielten, um ein schönes altes Lehmhaus zu fotografieren, gerieten wir mitten in ein freitägliches Familientreffen und wurden kurzerhand zu Tee und Wasserpfeife eingeladen.

Gruppenbild mit der ganzen Sippe
Gruppenbild mit der ganzen Sippe. Danke für die Gastfreundschaft

Eine weitere Station unserer Expedition führte zum zerfallenen Herrschaftshaus eines kleinen Dorfes mitten in der Wüste. Der (greise) Enkelsohn des vormaligen Besitzers lud uns zu sich zu Tee und Früchten ein und erklärte uns alles was wir wissen wollten. Er beschwerte sich darüber, dass die jungen Leute von heute alle studieren wollen, und er niemanden mehr finde, der für ihn als Schafhirte arbeitet. Von ihm erfuhren wir auch, was Qanate sind. Ein Jahrtausende altes System aus Tunneln zur Umleitung und Verteilung von Wasser. Und nein diese Form der Wassergewinnung gibt es in der Schweiz nicht, erklärten wir ihm mit Müh und Not, weil es bei uns oft regnet. Über den Stellenwert des Wassers, und die vielen raffinierten Lösungen die seine Knappheit hervorgebracht hat, wurden wir später noch ausführlich im Wassermuseum von Yazd informiert.

Langsam wurde es dunkel und bisher war es uns nicht aufgefallen, dass der Tank fast leer war. Mit blinkendem Tanklämpli fuhr uns Rafi (unsere Ratschläge zum ökonomischen Fahren ignorierend) die verbleibenden 100km nach Tabas, wo wir übernachten wollten. Was wie der Beginn eines Krimis tönt endete mit dem letzten Tröpfchen Benzin an der Tankstelle.
Die Campingprofis Dania und Martin luden uns freundlicherweise in ihren Zeltpalast zur Übernachtung ein. Auch wussten sie aus Erfahrung, dass sich Moscheen und Schreine gut zum Zelten eignen, da sich dort öffentliche sanitäre Anlagen befinden.

Frisch und munter packten wir am nächsten Morgen unsere Siebensachen und machten uns auf Richtung Yazd. Der zweite Tag führte uns vorbei an schönen Wüstenlandschaften, verlassenen und zerfallenen Karawansereien und dem Schauplatz eines gescheiterten amerikanischen Versuchs, militärisch in die iranische Revolution einzugreifen.
Spätestens seit Argo wissen alle, dass Ben Affleck nach der Revolution amerikanische Geiseln aus dem Iran geschmuggelt hat (und dass die Iraner bewaffnete Barbaren sind). Was bei uns weniger bekannt ist, ist dass die Amis auch andere Versuche starteten die Geiseln zu befreien. Die Operation Eagle Claw zur Erstürmung der US-Botschaft in Teheran scheiterte kläglich. Die Iraner liessen sich nicht lumpen und nutzen den Misserfolg der Amis zu Propagandazwecken – damals wie heute. Auch wir besichtigten die Kartonhelikopter und Flugzeugwracks mitten in der Wüste.

Kurz vor Yazd erreichten wir schliesslich, mitten in der Nachmittagswüstenhitze, Kharanaq. Kharanaq ist ein altes Dörfchen, das zu einem grossen Teil aus verlassenen zerfallenden Lehmhäuschen besteht. Nach einer ausgiebigen Siesta in der renovierten Karawanserei, machten wir uns auf, die Ruinen zu entdecken. Nebst den idyllischen Häuschen gibt es in Kharanaq auch ein schwankendes Minarett, dieses soll man zum Schwingen bringen können. Leider fand sich an Ort und Stelle kein Schlüssel zum Minarett, sodass wir dies nicht überprüfen konnten.

Kurz vor Sonnenuntergang näherten wir uns endlich Yazd. Rafi unser unermüdlicher Reiseführer wollte uns noch unbedingt den Turm des Schweigens (Dachma) der Zoroastrier zeigen. Trotz der Bezeichnung “islamische Republik” existieren im Iran auch andere Glaubensrichtungen. Nebst den üblichen Verdächtigen (Christen) bildet die zoroastrische Glaubensrichtung eine interessante Lebensanschauung. Die Zoroastrier sind wohl die älteste bekannte monotheistische Religionsgemeinschaft der Welt.  Bevor die Gegend islamisiert wurde, war die Mehrheit der Bevölkerung zoroastrisch. Auch heute gibt es eine relativ grosse zoroastrische Glaubensgemeinschaft im Iran. Die Zoroastrier glauben, dass die Toten die Erde verunreinigen und Feuer ist ihnen heilig. Also haben sie eine Bestattungsart gefunden, die diesen Einschränkungen entspricht: die Luftbestattung. Dabei werden die Toten auf einem Dachma ausgelegt. Die Leichen zersetzten sich mit der Zeit und wurden von aasfressenden Vögeln gefressen. Der Dachma nahe Yazd wurde bis in die 1960er auf diese Weise benutzt. Die Abkehr von dieser Bestattungsart wurde beschlossen, nachdem angeblich mehrere Leichen von Forschern für medizinische Experimente geklaut wurden. Heute werden Zoroastrier in luftdichten Betonkammern beerdigt, um zu verhindern, dass die Erde verunreinigt wird.

In der letzten Bildstrecke noch einige der vielen Eindrücke des zweiten Reisetages, die bisher nirgends reingepasst haben:

Nach zwei langen Tagen vorbei an verschiedensten Bauten und der langen Kulturgeschichte Irans gelangten wir ans Ziel unserer Wüstenexpedition: Yazd.

 

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