Ein Haus am Sewansee

Frage an Radio Eriwan: Gibt es einen Zug von Eriwan nach Sewan?
Im Prinzip ja, aber niemand weiss wann und wo dieser Zug fährt.

Die Angaben zum Zug nach Sewan waren wirklich dürftig. Zwar waren sich sowohl Internet als auch die nette Frau in unserem Hostel einig, dass ein solcher Zug existiert- bei der Abfahrtszeit war aber bereits Schulterzucken angesagt, bzw. ein “im Prinzip um 8 aber der fährt eh später”. Als wir am nächsten Morgen um 8 Uhr beim Bahnhof Eriwan eintrafen, waren gerade eben zwei Züge losgefahren. Es stellte sich jedoch heraus, dass keiner der beiden Züge nach Sewan fuhr. Und auch keiner der restlichen drei, vier Züge die an diesem Tag am Hauptbahnhof Eriwan zu erwarten waren hatten dieses Ziel. Resignation bei der ganzen Reisegruppe, die sich auf eine gemütliche Zugfahrt statt dem stressig engen Sammeltaxi gefreut hatte. Ein sehr aufdringlicher Taxifahrer laberte uns auf Russisch zu, und erst nach zwanzig Minuten verstanden wir, dass er uns nicht eine Taxifahrt nach Sewan verkaufen wollte, sondern uns zu erklären versuchte, dass der Zug nach Sewan irgendwo anders fährt. Kein richtiger Bahnhof, mehr sowas wie ein alter Bahnsteig irgendwo im Norden der Stadt. In zwanzig Minuten. Und ab gings auf ein kleines Rennen gegen die Zeit mit dem dreissigjährigen BMW quer durch Eriwan. Zwischenzeitlich sank unser Mut wieder, als der Fahrer Leute nach dem Weg zu besagtem “Bahnhof” fragen musste, aber schliesslich standen wir rechtzeitig mitsamt dem Taxi auf dem Bahnsteig. Und der Zug fuhr pünktlich (nach Fahrplan) um 08:40 Uhr.

Mit dem VIP-Taxi direkt auf den Bahnsteig
Mit dem VIP-Taxi direkt auf den Bahnsteig

Sewan liegt, wer hätte es geglaubt, am Sewansee. Der grösste See Armeniens ist Ausflugs- und Ferienziel sowohl für die Städter aus Eriwan als auch aus Tiflis in Georgien und Lebensgrundlage für eine kleine Fischfangindustrie und die Landwirtschaft in der Region. Wie so viele natürliche Ressourcen wurde auch der Sewansee in der Sowjetunion relativ unzimperlich ausgebeutet, und so sank der ursprüngliche Wasserspiegel durch Wasserentnahme für Bewässerung um rund 20 Meter. Nachdem sich Mensch und Natur in den letzten Jahren langsam auf die neue Pegelhöhe eingestellt haben, hat das Wasser vor einigen Jahren wieder zu steigen begonnen. Bisher um 2 Meter, aber man weiss nicht so genau wie lange das noch weiter gehen soll. Nun liegen diverse Fischereihäfen, Resorts, Strände und Landwirtschaftsgebiete entlang des Ufers unter Wasser. So auch ein Teil der Feriensiedlung in welchem wir uns ein “Domiki” (Häuschen) reserviert hatten.

Dies störte uns nicht wirklich, und wir genossen die Ruhe durch offensichtlich weniger Touristen als in früheren Jahren. Die mangelnde Kundschaft im Restaurant wo wir am Mittag was gegessen hatten, führte leider dazu, dass sich Samuels Magen eine Nacht lang heftige Kämpfe mit irgendwas Verdorbenem lieferte.

Trotzdem machten wir uns am nächsten Tag (teilweise leicht angeschlagen) auf den Weg um die Umgebung zu erkunden. Die erste Attraktion bestand aus einem (von uns so genannten) Russenstrand – dies erfordert ein paar Erklärungen:
Der klassische Russenstrand ist ein Tourismus-Schauplatz, welcher nicht wie man vermuten würde in Russland sein muss, aber die zahlenmässige Überlegenheit von (wiederum von uns so genannten) Russen erfordert. Selbst erlebte Beispiele befinden sich in Montenegro (Sutomore), Phuket, Vietnam (Mui Ne), und natürlich auf der Krim (dort seit neuesten wieder nicht nur von uns so genannter Russenstrand).
Kommen wir zu den Merkmalen des Russenstrandes: Wenn der Strand innerhalb der ehemaligen Sowjetunion liegt, besteht er typischerweise nicht aus Sand, sondern aus Kies, und ist durchsetzt mit Betonstücken und verrostenden Eisenteilen, sowie hie und da einem dekorativen alten Lastwagenreifen. Am wichtigsten ist natürlich die lückenlose Versorgung am Strand mit Wodka und Bier, dazu Grillplätze für Schaschlik. Es ist von Vorteil, wenn man den Lada (oder in Armenien den Mercedes, doch dazu noch später) maximal zehn Meter vom Wasser entfernt parken kann, um die langweilige (unrussenpopige) Natur ordentlich zu beschallen. Für Unterhaltung zwischen den Getränken müssen zwingend Jetskis oder andere motorisierte Vehikel gemietet werden können. Ein absolutes No-Go ist Sonnencreme, in den winzigen Bikinis stecken viele ganz und gar nicht winzige Figuren und auch das starke Geschlecht zeigt die prallen Wampen mit Stolz. Für die Kinder gibts ein Gumpischloss.

Neben dem Strand gibts in Sewan auch noch eine kulturelle Sehenswürdigkeit, nämlich das uralte armenische Kloster Sevanavank, welches fotogen auf einer Halbinsel (ehemaligen Insel) liegt.

Trotz perfektem Russenstrand packte uns die Lust aufs Baden nicht (zu kalt, ganz klar), und wir verliessen den Sewansee in Richtung Berge, nach Dilidschan. Unterwegs, als unser Taxi mal tanken musste, entstand dieses Foto:

3x Lada, 2x Opel, 4x Mercedes
3x Lada, 2x Opel, 4x Mercedes

Es repräsentiert so ungefähr, was man auf den armenischen Strassen sieht: Die eine Hälfte der Autos sind alte, klapprige Ladas und ausgemusterter Schrott aus Westeuropa, die anderen sind fette, teure Schwanzverlängerungen praktisch ausschliesslich von Mercedes. Bei einem Durchschnittseinkommen von monatlich weniger als 300 Franken und 20% Arbeitslosigkeit im Land schon sehr verwunderlich. Aber man muss ja nicht alles verstehen.

Dilidschan liegt idyllisch in den Bergen und wird deswegen auch “kleine Schweiz von Armenien” genannt. Unser Fazit: Es ist nicht ganz so schön wie Obwalden und es ist schon gar kein Thurgau, aber gefallen hat es uns schon. Dilidschan war “nur” ein kurzer Zwischenstop auf dem Weg nach Georgien, aber wir hatten genug Zeit für eine kleine Wanderung in der Umgebung, wo es zwei (wie könnte es anders sein) alte armenische Kloster zu entdecken gibt. Dabei haben wir Bekanntschaft geschlossen mit einem sehr netten armenischen Bauarbeiter und seinem sehr betrunkenen Bruder, der uns auf ein Bier einlud. Sie wollten wissen, ob und wie man in die Schweiz ziehen könnte. Nach kurzem Brainstorming war ein einfacher und effizienter Weg gefunden, aber wir mussten uns mit einer Notlüge aus der Affäre ziehen: Nathalie’s Schwestern sind leider schon beide verheiratet.

 

2 Gedanken zu „Ein Haus am Sewansee“

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